Buchbesprechung (plus Assoziationen)

IainMcGilchrist, "The Master and his Emissary, The Divided Brain and the Making of the Western World" Yale University Press, 2009, ISBN 978-0-300-16892-1

Iain McGilchrist ist einer der interessanten Menschen, die Dank kreativer "Umwege" verschiedene Lebensbereiche kennen lernten und sie Frucht bringend integrieren konnten. Er studierte zuerst in Oxford Englisch, wo er zwischen 1975 und 1982 einerseits englische Literatur unterrichtete, anderseits auch seinen Interessen in Philosophie und Psychologie nachgehen konnte. Danach erst studierte er Medizin und wurde Psychiater, u.a. in der Position eines Klinikdirektors im Bereich "Acute Mental Health Services" und arbeitete in verschiedenen Spezialeinheiten, so im Bereich Neuropsychiatrie, Epilepsie aber auch in der Forensik. Er forschte im Bereich Neuroimaging in den USA und führte ein "Community Mental Health Team" in London. Zudem ist er in eigener psychiatrischer Praxis auch im Bereich Versicherungsmedizin engagiert. Und das vorliegende Buch dokumentiert sein 20 jähriges Spezialinteresse an der Funktion des Gehirns insbesondere dem Zusammenspiel beider Hemisphären. Das vorliegende Buch umfasst 462 Seiten plus 72 Seiten Anmerkungen und einen reichhaltigen Index. Es ist in einem gut lesbaren Englisch geschrieben. Auf YouTube finden sich übrigens mehrere Filme, welche z.T. eine exzellente Zusammenfassung der Thematik darstellen, insbesondere derjenige, der als 12 minütiger Zeichentrickfilm gestaltet ist (RSA Animate The Divided Brain, Youtube).


Die Gliederung des Ende 2009 erschienenen Buches umfasst im ersten Teil - mit dem Tittel "the divided brain" - die anatomischen und physiologischen Grundlagen. Es geht darin in einem weiten Bogen von der Neurobiologie über die Neurologie bis hin zur Psychopathologie. Im zweiten Teil des Buches - "how the brain has shaped our world" - stellt McGilchrist detailliert und multimodal die Auswirkungen der unterschiedlichen Arbeitsmodi der Gehirnhälften auf unsere Gesellschaft dar, von den griechischen Philosophen bis heute. Aus der Sicht von Trancearbeit ist dieses Buch eine Quelle der Inspirationen. Ich habe darum am Ende dieses Artikels einige Assoziationen untergebracht.

Insgesamt kommt uns diese Materie recht bekannt vor, es ist in diesem Buch aber wunderbar fazettenreich aufbereitet und vor allem wissenschaftlich breit untermauert.

Erster Teil des Buches: The divided brain, oder das Individuum

And here we go: Das Erkennen unterschiedlicher Funktionsweisen und Aufgaben unserer Gehirnhemisphären entstand in der Medizin in den 60er und 70er Jahren, vor allem durch die Forschung an Split brain Patienten. Bei diesen wurde - meist um eine Epilepsie unter Kontrolle zu bekommen - in heroischer Aktion das die beiden Hemisphären verbindende Corpus callosum großzügig durchtrennt. Damals entstand der Eindruck, dass die linke Hirnhälfte für Logik und die rechte für Gefühle zuständig sei. Weil sich dies nicht bewahrheitete, schwand das schulmedizinische Interesse an den beiden Hirnhälften vorübergehend. Der aktuelle Forschungsstand zeigt nun ein differenziertes und hochinteressantes Bild. Split brain Patienten können sich nach einer gewissen Zeit offenbar recht gut an ihre Besonderheit adaptieren, offenbar jenseits des Corpus callosum, via einen subcortikalen Schleichpfad. Bis dem so weit ist berichten sie in den ersten Monaten nach der Operation aber über sehr Befremdendes und gleichzeitig Aufschlussreiches: Offensichtlich befinden sich die beiden Hirnhälften passager in einem Willenskonflikt. So erlebte ein Ehemann nach der Operation, dass er mit dem einen Arm seine Frau umarmte und mit dem anderen gleichzeitig wegstieß. Eine andere Patientin erlebte während des Autofahrens wiederholt, wie die sich am Steuer befindende rechte Hand von der linken gepackt und das Steuerrad losgerissen wurde, um selber und als einzige steuern zu könne. Die gleiche Patientin erlebte, wie ihre linke Hand die Türe schloss, die ihre rechte soeben geöffnet hatte; die linke Hand entfaltete Blätter, welche von der rechten zusammengefaltet worden waren, die linke Hand schnappte sich das Geld, das die rechte im Laden auf die Tresen gelegt hatte, die linke Hand stoppte das Lesen eines Buches durch das plötzliche Wenden von Seiten oder das Schliessen des Buches. Der egoistische Troublemaker war immer die linke Hand. McGilchrist stellt an dieser Stelle die tiefgründige Frage, wer wir denn eigentlich sind respektive was unsere Identität eigentlich konstituiert. Auf jeden Fall geschah nach einer Callosotomie im Gehirn nicht weniger, sondern wegen der fehlenden Hemmung mehr!

Ein weiterer Hinweis auf die Dominanz der linken über die rechte Hemisphäre ist die Beobachtung, dass Demenzpatienten, bei denen der degenerative Prozess zuerst in der linken Hemisphäre beginnt, in dieser Zeit nicht selten eine bemerkenswerte, dominant in der rechten Hemisphäre prozessierte Kreativität in Bezug auf Zeichnen und Malen entwickeln.

Kernaussagen von McGilchrist sind: Das Gehirn ist ein Organ, dass zutiefst Informationen im Interesse von Beziehung verarbeitet, Beziehung zu uns selber und zu unserer Umwelt. Im Laufe der Evolution hat sich das Gehirn von Lebewesen mehr und mehr in zwei Hemisphären aufgeteilt. Dies ermöglicht uns zwei unterschiedliche Wahrnehmungsweisen respektive Versionen der Welt. Trotz der Trennung sind aber immer beide Hirnhälften an allen Funktionsweisen beteiligt. Die ausgeprägte organische Trennung beider Hemisphären geht zusätzlich mit einer gegenseitigen funktionellen Hemmung einher. In der Bilanz dieses gegenseitigen Hemmens obsiegt die linke über die rechte Hemisphäre deutlich. Es ist aber gerade die Interaktion der in vielem komplementären Hirnhälften, welche es uns ermöglicht, kreativ am Leben teilnehmen zu können. Neben der ausgeprägten Aufteilung des Gehirns in zwei Teile zeigt das menschliche Gehirn gegenüber den Tieren einen grossen Frontallappen; er macht ca. 35% der Geheimnisse aus. Dadurch können wir Menschen in Sinn einer Top down-Regulation das unmittelbare Reagieren auf Umweltreize sowie die im limbischen System prozessierten Emotionen bremsen, kontrollieren und analysieren. Die Analyse beinhaltet relevant ein Vergleichen mit Gedächtnisinhalten. Im Präfrontalkortex (Frontallappen minus motorischer Kortex) wird - neben unserem Charakter und moralischen Werten - auch die sogenannte Theory of Mind (TOM) codiert. Diese, zentral zum sogenannten "Social Brain" gehöhrende Fähigkeit ermöglicht es uns, uns in andere Menschen hinein zu fühlen, als Grundlage für zwischenmenschliche Beziehung schlechthin. Wir können uns eine Theorie bilden über den "mind" respektive das Denken, Fühlen und mutmaßlichen Handlungen eines Mitmenschen. Vereinfacht formuliert verbindet uns die rechte Hemisphäre auf eine ganzheitliche, sinnliche, aber unbewusste Art mit unserem Körper und damit mit der Welt. Die linke Hirnhälfte steht mit der Welt, unserem Körper, nur indirekt via die rechte in Verbindung, die sie aber dominiert. Die linke Hirnhälfte steht für das Fokussieren, Analysieren und Kategorisieren von Einzelaspekten, von Einzelteilen, insbesondere auch für das Aufstellen von Regeln ohne Ausnahmen (!), also eine perfekte, scheinbar heile, dafür aber leblos und sterile Welt. Wohingegen die rechte Hirnhälfte mit peripherer Aufmerksamkeit nach dem Darüberhinaus, nach den befreienden Ausnahmen von den Regeln, nach der Beziehung zum Ganzen, Ausschau hält. Die linke Hirnhälfte ist die handelnde, die manipulierende, wozu ganz besonders die Sprache gehört. Mit Worten formulieren wir Begriffe und versuchen damit, die Welt zu be-greifen - das gibt eine relative Sicherheit und Orientierung; Klaus Grawe hat's 2004 formulier -, nur dass wir dabei eben trennend in die Fülle des Ganzen eingreifen. Die linke Hirnhälfte ermöglicht es uns, uns ein Bild, eine Karte, eine Vorstellung von uns und der Welt zu machen. Das macht vieles im Umgang damit leichter und schneller. Die Gefahr besteht aber bekannter weise darin, dass diese Bilder und Vorstellungen unsichtbar aber wirksam zwischen uns und der Welt stehen. Therapeutisch ist dies hochrelevant, wenn es um den Prozess des Erkennens und Ent-Identifizierens mit einem einschränkenden Selbstbild geht, entstanden in Zeiten, wo noch gar keine Sprache dessen Entstehung begleiten und benennen konnte. Oder denken wir an unüberprüfte Glaubenssysteme, welche in Form von Vorurteilen andere entwerten.


Die erwähnte andauernde Linksdominanz der Wahrnehmung des Lebens hat einen hohen Preis, nämlich den Verlust der Lebendigkeit, denn im fragmentierten Ganzen fliesst keine Energie mehr. Gleichzeitig ist die linkshemisphärische, von Regeln geleitete Welt diejenige, die so gerne in der Aussenwelt handeln und manipuliert. Darum nennt McGilchrist die linke Hemisphäre auch den "Berlusconi des Gehirns". Für McGilchrist ist die rechte Hirnhälfte der "Master", der Boss, der schweigende Meister des Ganzen und der Fülle. Die linke Hirnhälfte nennt er den "Emissary", also den Boten, den Funktionär der rechten Hälfte, der in der Welt im Interesse des Masters handeln sollte, sich aber für den cleveren Boss hält. In Abbildung 1 sind die verschiedenen, komplementären Aspekte der beiden Hirnhälften dargestellt.

Abbildung 1

Die optimale Kooperation beider Hemisphären bedeutet, dass wir aus diesem fragmentierten Entweder-Oder-Zustand in einen kreativen Sowohl-als-auch-Zustand kommen. Die Information aus der lebendigen, sich selber aber unbewussten ganzen Welt "geht" von der rechten Hirnhälfte zur linken. Dort erfolgt eine Fragmentierung und Detailanalyse und somit ein Bewusstwerdungsprozess. Dieser ist aber nicht der Höhepunkt der Informationsverarbeitung, sonder eine Durchgangssituation. Die nun bewusstgewordenen aber leblosen "Einzelteile" werden wieder nach "rechts" gegeben. Dort können sie zu einem lebendigen und nun bewussten Ganzen verschmelzen. Dies beschreibt einen zirkulären Prozess der Informationsverarbeitung. Die Fähigkeiten der linken Hemisphäre sind somit unabdingbar für diesen Bewusstwerdungsprozess.

ZweiterTeil des Buches: How the brain has shaped our world, oder die soziale Ebene

Im zweiten Teil seines Buches geht McGilchrist sehr ausführlich auf die Evolution unserer Gesellschaft in den letzten rund 2500 Jahren ein. Er erkennt bei den alten Griechen so um 500 vor Christus zwei noch gut balancierte Hirnhälften, als deren Vertreter er einen Apollonischen und Dionysischen Geist ausmacht. Später, so im 15. und 16. Jahrhundert sei das Gleichgewicht langsam nach links gedriftet, wir denken an Niccolò Machiavelli, geboren 1469, und später an René Descartes, geboren 1595. Und in Bezug auf unsere heutige Gesellschaft verweist McGilchrist auf das Paradox, dass wir zwar Glück suchen, aber Unglück und Feindseligkeit und eine "Explosion psychischer Krankheiten finden, dass wir Freiheit suchen, aber uns in einem dichten Netz von Sicherheitsmaßnahmen und komplizierten Regeln lähmen, dass wir dank Computertechnik eine enorme Flut an Informationen generieren, aber nicht mehr wissen, wie damit umzugehen, wir verlieren uns im kontextlosen Detail, in der virtuellen, technisierten Welt, diktiert von einer progredienten kontrollwütige Bürokratie. An Stelle des sinnlich spürenden WIE tritt mehr und mehr das linkslastige WAS und WARUM. McGilchrist macht drei Gründe für diesen Linksshift aus: Im linksdominanten "Berlusconi-Modus" ist unser Geist sehr überzeugend, denn er schleift alles weg, was nicht zu seinen Modellen gehört, so dass das Resultat - unter Ausschluss von Alternativen - schlicht überzeugt. Zweitens kann die linke Hemisphäre sprechen, die rechte wirkt schweigend und drittens erkennt McGilchrist einen Spielgeleffekt. Zitat: "We just get reflected back into more of what we know about what we know about what we know".

Aber wir brauchen für alles immer beide Hemisphären, das gilt sowohl für die Imagination als auch für das Denken. Ein wunderbarer Zeitgenosse des 20sten Jahrhunderts, der die Integration beider Hirnhälften zelebrierte, war Albert Einstein, siehe das Zitat von McGilchrist in Abbildung 2, welches den Inhalt des ganzen Buch auf den Punkt bringt. Er hatte wahrscheinlich einen "Defekt" in der linken Hirnhälfte, denn er habe erst sehr spät, mit ca. 4 Jahren zu sprechen begonnen, sodass die Dominanz der linken Hälfte eventuell zu spät kam um das Geniale zu unterdrücken. McGilchrist weist an anderer Stelle damit übereinstimmend darauf hin, dass Babiesund kleine Kinder mehr rechtshemisphärisch sind, weil die rechte Hirnhälfte früher reift als die linke.

Abbildung 2


Eigene Assoziationen zum Thema

Das Lesen des Buches ermöglicht multiple Assoziationen. Mich interessieren vor allem die Möglichkeiten, wie wir unsere beiden Hemisphären zur optimalen Kooperation bringen können. Die Integration beider Gehirnhälften ist ja kein neues Ansinnen. Kinesiologinnen und Kinesiologen streben dies ja seit Jahrzehnten mit verschiedenen Methoden an, bei denen die Klienten z.B. ihre Armen und Beinen rhythmisch die Mittellinie des Körpers überkreuzen.


Trance

Auf das hier besprochene Buch bin ich anlässlich eines Supervisionsseminars mit Stephen Gilligan gestoßen. Er betont das komplementäre Potential der Hirnhälften sehr. Er benennt bekanntlich die linke Hemisphäre als Heimat des "cognitive mind", des denkenden Geistes und die rechte als den "somatic mind", der teil unseres Geistes, der mit dem Körper und dem Unbewussten, dem intuitiven Bauchgefühl verbunden ist. Zentral für Gilligan ist die gleichzeitige Nutzung beider aufgrund eines "interhemisphärischen Dialogs", einer Synchronisierung beider "minds", welche im Sinne eines emergenten Phänomens einen dritten Geist entstehen lässt. Die Fähigkeiten und Eigenschaften dieses dritten Geistes sind also mehr als die Summe von cognitive and somatic mind. Gilligan nennt diesen dritten Geist den "generative mind" und spricht in diesem Zusammenhang unter anderem von "esthetic intelligence", "non-dual field awareness", oder "open space of oneness" als optimaler Zustand, auch durch schwierige Lebenssituationen sinnstiftend navigieren zu können, siehe Abbildung 3. Überhaupt ist Trance wohl DER integrative mentale Grundzustand, in dem beide Hemisphären von einander lernen können als eigentlich gleichwertige Partner.



Wir können uns in Trance als Metapher für den interhemisphärischen Dialog einem mäandernden Fluss durch eine weite, gebirgige Landschaft vorstellen, darin wir uns selber treiben und erfrischen lassen, links und rechts vorbei an komplementären nahen und ferne Gebirgen und Landschaften, woraus Bäche und Flüsse strömend, ihre Energien im grossen Lebensfluss alchemistisch vermischen, die Schwebestoffe aus dem regelkonformen Rechteckland, mit den verwirrenden Botenstoffen des pfadlosen Chaoslandes, sodass immerwährend Neues entsteht, etwas, in das ich eintauche, das ich trinke, zu dem ich werde…


Poesie, Musik und andere Künste

Tranceaspekte begegnen uns in vielen Ritualen. Alltagsaktivitäten, wo beide Hemisphären aktiv sind, haben wir gerne, sie tun uns gut. Ich denke als erstes an Poesie. Da geht es zwar um Worte, welche etwas bewirken sollen, das aber jenseits davon ist. Die Worte haben durch den Poeten die Aufgabe erhalten, etwas, was jenseits der Worte in uns anzustoßen, uns zu berühren auf einer sinnlichen Ebene. Wir können uns beim Lesen des folgenden Gedichts von Mary Oliver - das ich auch schon English kundigen Patienten vorgetragen habe - fragen, wo, wenn überhaupt, in meinem Körper spüre ich die Resonanz des Gedichts? Manchmal ist es eine einzige Stelle in einem Gedicht, die ein kurzes Öffnen unseres Seelenfensters ermöglicht.


WILD GEES
You do not have to be good.
You do not have to walk on your knees
For a hundred miles through the desert, repenting.
You only have to let the soft animal of your body
Love what it loves.


Tell me about despair, yours, and I will tell you mine.
Meanwhile the sun and the clear pebbles of the rain
Are moving across the landscapes,
Over the prairies and the deep trees
The mountains and the rivers.
Meanwhile the wild gees, high inthe clean blue air,
Are heading home again.


Whoever your are, no matter how lonely,
The world offers itself to your imagination,
Calls to you like the wild geese,harsh and exciting -
over and over announcing your place
In the family of things.

Mary Oliver

Oder wir erleben Musik. Einerseits besteht sie aus einer klaren physikalischen, in Raum und Zeit gesetzte Ordnung, anderseits - wie bei der Poesie - geht es nicht um die Musik selber, nicht um die Musikerin oder gar um den Komponisten, sondern um dass, was die Musik in uns zum Klingen bringt, es ist eine sinnliche Erfahrung, kein Wissen ("Aha, Mozart, kenn' ich doch"). Die gleichen Überlegungen gelten wohl für jegliche andere echte Künste.

Achtsamkeit

Das Bestreben der Achtsamkeit ist, den linkshemisphärischen "Autopiloten"- wie Jon Kabat Zinn diesen oberflächlichen Routine-Geist so treffend nennt - auszuschalten und nach "rechts" zu rutschen. Aus dieser Position können wir am Leben wieder sinnlich Teil nehmen, ohne es begreifen oder verändern zu müssen. Sinn und Sinnlichkeit sind sehr sinnesverandt.

Meditation

Das Bemühen regelmässiger Meditation ist das Erwirken des Ein-Geist-Zustands ("one-mind"). Gemeint ist, dass durch achtsames Gewahrsein der "unterscheidende Geist" in den Hintergrund tritt, durch das Nicht-Unterscheiden tritt das Werten und Wollen (das ist positiv, das will ich anstreben - jenes will ich nicht, ich vermeide es) ebenfalls in der Hintergrund, dadurch entsteht Gelassenheit - ich kann los-lassen - und durch Ent-Identifizierung entfaltet sich der in uns natürlicherweise schlummernde Frieden, es entsteht Weite und Frische. Zentral ist das Loslassen der Identifikation mit der Vorstellung von einem "Ich". Dies gelingt nur, wenn unser Geist gleichzeitig sinnlich im Körper verwurzelt ist; Körper und Geist als kreative Einheit. CAVE: Wenn ich weder eine Ich-Identifikation habe noch zentriert bin, können ungute psychische Zustände entstehen. Stephen Gilligan hat mir diese Sichtweise in Bezug auf psychotische Zustände kürzlich bestätigt.

Tanz

Wir können zur Integration tanzen. Der Schriftsteller Nikos Kazantzakis liess seinen Protagonisten, Alexis Sorbas, eine Seilbahn zum Transporte von Holz aus den Bergen ins Tal errichten. Bei der Inbetriebnahme stürzte alles in sich zusammen. Sorbas wurde später gefragt, was er nun gemacht habe, wie er damit umgegangen sei? Heute würde man - je nach Erahnen des frühkindlich erworbenem Bindungsstils - mutmassend schwanken zwischen Katastrophisieren (fear-avoidance), sofort hyperaktiv alles wieder aufstellen wollen (action-proneness), oder gar traumatisierten Dissoziieren in Lethargie oder Richtung Alkohol? Nichts von all dem. Sorbas wählte den griechischen Copingstil, er tanzte! Er habe seinen Schmerz getanzt, ganz alleine. Denn ein seelischer Schmerz gewinnt im körperlich zentrierten Zustand an Lebendigkeit und verliert gleichzeitig an Macht. Sorbas hat die Erfahrung zugelassen, kein wortgewandtes Reframen versucht, sondern einen rechtshemisphärischen Partner gefunden. Er hat sein Leid mit einem rechtshemisphärischen Kontext ummantelt.

Humor

MitHumor können wir oft unerwartet ein linkshemisphärisches Konstrukt, die Mauern eines Glaubensgefängnises in die Luft sprengen. Basler haben an Stelle von Mulla Nasrudin die "Webstübeler"-Witze. Also, der Witz mit dem Kamel und dem Polizist "geht" so: Da kommt ein Webstübler begeistert aus dem Basler Zoo und trifft vor dem Eingang einen Polizisten. Aufgrund seine Wackelkontaktes im Social Brain respektve seiner Theory of Mind, geht der Webstübeler - immer noch begeistert - auf den Polizist zu, schlägt ihn kumpelhaft auf die Schulter und ruft "ciao, du Kamel!" Indigniert verbietet der Polizist dem Webstübeler solch tierischen Vergleich mit einem Staatsbeamten. Der Webstübler kratzt sich - um Zeit zu gewinnen oder eventuell um mit seiner Körperlichkeit wieder in Kontakt zu kommen - am Kopf und fragt den Polizisten: "Sagen Sie, darf man zu einem Kamel Polizist sagen?" Der Polizist - langsam die Geduld verlierend und um sich aus der Situation lösen zu können -sagt "von mir aus, machen Sie doch, was Sie wollen." Webstübeler: "Also, ciao Polizist!" Dieses Reframing ist ein listiger Befreiungsschlag, wir gönnen es dem Webstübeler, der seine Sache wirklich gut gemacht hat, von Herzen. Er hat den Polizisten mit dessen eigenem linearen linkshirnigen Denken um Längen durch seine assoziative Kreativität geschlagen. Die Wäbstübeler und Nasrudins vertreten ganz offensichtlich die Interessen der rechten Hemisphäre. Sie sind Experten jenseits der Regeln, der Polizist in seiner Uniform klar das Gegenteil davon. Wenn beide Weltanschauungen in unserem Geist zusammenkommen, entsteht ein kurzer Moment Freiheit, wir lachen befreit und befriedigt; irgendwie ist die Welt ganz kurz etwas farbiger geworden.

Koan

Eine andere Therapieform zur Befreiung von linkshemisphärischen Identifikationen sind die buddhistischen Koans. Da geht es nicht mehr nur um ein Refraiming, sondern darum, den Rahmen definitiv in die Luft zu sprengen. Zum Lösen eines solchen Mindkrackers braucht es das Vertrauen zum Meister, dass das Suchen nach einer Lösung Sinn macht und es braucht beharrliches Bemühen. Man soll den Koan dauernd im Geist halten, ihn meditieren, "wie eine glühende Kugel, die man geschluckt hat, aber nicht hinunterschlucken kann". Beispiel: "Was ist das (für ein Geisteszustand): weder Stillstand noch Bewegung?!" Auf die Metapher mit den beiden Hemisphären übertragen lautet dies: Was ist das, weder Teil noch Ganzes, weder Ordnung noch Chaos, weder Regel noch Ausnahme, weder bewusst noch unbewusst, also jenseits von Dualität. Klingt in Ihnen nicht auch etwas an, das nach Freiheit duftet, liebe Leserin, lieber Leser? Hier ein poetischer Koan: Vor langer Zeit, an einem Regentag, fragte der Meister den Schüler, "was ist das für ein Geräusch da draussen?" Schüler: Es ist das Geräusch des Regens". Meister: "Ah, Menschen fallen durch den Regen." Schüler: "Was soll ich tun, Meister?" Antwort: "bemühe dich, zum Geräusch des Regens zu werden". Der Meister will hier sagen "erlange, dass das Ego eine Illusion ist und eine rein mentale Trennung zwischen "ich" und "Regen" bewirkt". Das Ego ist ein Konstrukt der linken Hemisphäre, die sich als abgetrennt von der Welt und für den Boss hält. Apropos Buddhismus. McGilchrist weist daraufhin, dass das EEG langjähriger Meditationsgeübter in der Meditation eine bemerkenswerte Synchronizität beider Hirnhälften aufweist, das macht Sinn!

Zum Abschluss ein Einsteinwitz

Als Zusammenfassung hier zum Abschluss noch ein Einsteinwitz; in ihm steckt viel bihemisphärische Dynamik sowie Self Relation nach Gilligan: Einstein hatte sich nach gewisser Zeit seines Erfolges einen Fahrer mit Auto leisten können. Der Fahrer pflegte während eines Vortrags von Einstein jeweils im Hörsaal ganz weit hinten zu warten. Nach einiger Zeit meinte der Fahrer zu Einstein, er habe nun lange genug zugehört und könne nun selber ein solches Referat halten. (Ganz unter uns, er erinnert uns an Berlusconi, der linkshirnig dominant von sich überzeugt und wortgewandt sein Ego durch die Aufmerksamkeit des Publikums zu nähren weiss.) Vor dem nächsten Vortrag tauschten die beiden darum ihre Kleider. Der Fahrer machte seine Sache ganz erstaunlich gut, bis zu dem Moment, wo ihm ganz am Schluss aus der vordersten Reihe des Publikums eine echt knifflige Frage gestellt wurde. Er erschreckte, denn daran hatte er nicht gedacht. (Denkpause: Welche Copingstrategie würde er wählen, er war kein Grieche, darum vielleicht eine Runde Qi Gong; oder realisierte er, dass er ja Teil eines Witz war, kurz vor der Pointe? Wie auch immer.) Er schloss ganz einfach beide Augen. Nach einem tiefend, entspannenden Atemzug öffnete er sie wieder ganz langsam, nun wieder ganz bei sich, zentriert und geerdet. Statt sich auf den Frager vor ihm zu fokussieren schaute er peripher über das ganze Publikum hinweg. Nun schlich sich ein feines Lächeln auf seine Lippen und wieder zum Publikum gewandt meinte er: "Also, das ist nun wirklich eine sehr simple Frage; überlassen wir die Antwort darauf doch einfach meinem Fahrer dort hinten!"

Heini Frick